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Rheinzeitung vom 14.07.2012

Schwerarbeit auf Schienenstrang

Güterverkehr Westerwaldbahn transportiert Blechcoils für die Firma Schütz nach Selters

Von RZ-Redakteur Volker Held

Kreisgebiet. "Noch drei Längen, noch zwei, noch eine." Blechern und leicht verzerrt kommt die Stimme von Franz Wagner aus dem Funkgerät, während Wolfgang Bsdorek langsam, aber sicher mit viel Fingerspitzengefühl die Geschwindigkeit per Joystick, Schaltern und Pedalen sowie parallel aus dem Fenster schauend gegen null dirigiert. Ganz, ganz langsam gleiten die beiden aneinandergekoppelten Diesellokomotiven mit rund 2800 PS unter den Hauben und zehn Waggons rückwärts, bis ein sanfter Ruck den Kontakt mit den im Altenkirchener Bahnhof vorübergehend abgestellten Anhängern signalisiert. Bsdorek stoppt die Arbeit seiner Maschinen, während Wagner für die Vereinigung der beiden Zugteile sorgt und anschließend seinen Platz auf der linken Seite im Führerstand der ersten DA 1000 4 einnimmt. Über den Fahrdienstleiter holt sich Bsdorek das Okay, den Zug der Westerwaldbahn mit insgesamt 25 gedeckten Güterwagen "am Haken" in Richtung Selters anrollen lassen zu dürfen. Das Ausfahrtssignal gibt ihm die erforderliche optische Freigabe, sodass sich der 2151 Tonnen schwere Lindwurm mit der Nummer 54 290 auf den Weg machen kann. Nur ein paar Kilometer weiter in Neitersen wechselt die Aufsicht über Mensch und Aggregat zur Westerwaldbahn selbst, die Kontrollinstanz überwacht vom Firmensitz auf der Bindweide aus das Geschehen auf der weiteren Strecke, die sich im Eigentum des kreiseigenen Unternehmens befindet. Parallel ändert sich die Kennung: Aus der 54 290 wird die 48 001.

Ganz schön ackern müssen die beiden Diesellokomotiven der Westerwaldbahn, um die 25 gedeckten Güterwaggons von Altenkirchen nach Selters zu ziehen. In jedem Wagen befinden sich drei Blechcoils.
Foto: Volker Held

In Altenkirchen angekommen, liegen schon beinahe fünf Stunden Arbeitszeit hinter Lokführer Bsdorek und Rangiermeister Wagner. Offizieller Dienstbeginn ist 5.30 Uhr. "Ich bin aber meistens deutlich früher da, um in Ruhe den täglichen Check der Lokomotiven durchführen zu können", outet sich Bsdorek als eingefleischter Gegner irgendwelcher Hektik. Der 56-Jährige, der in Niederschelden wohnt, arbeitet seit 16 Jahren für die Westerwaldbahn. Gemeinsam hat das Duo bereits die Fahrt vom Heimatbahnhof nach Betzdorf hinter sich gebracht, wo der erste Teil der Lieferung für die Firma Schütz in Selters zusammenrangiert worden ist. Wissen, Au und Breitscheidt sind die nächsten Durchfahrtsstationen, ehe in Altenkirchen der Zug mit den bereits am Abend zuvor gefahrenen Einheiten seine endgültige Länge von gut 330 Metern erhält. Diese Teilung ist erforderlich, da auf dem Steilstück zwischen Au und Breitscheidt die Last 600 Tonnen mit einer und 1200 Tonnen mit zwei Loks nicht überschritten werden darf.

In gemächlichem Tempo mit maximal knapp mehr als 40 km/h zockelt das Schwergewicht durch eine idyllische Landschaft. Immer wieder eröffnen sich der Besatzung bis Puderbach wunderbar sattgrüne Landschaftsstillleben, die hin und wieder dank des einen oder anderen Regenschauers das Gefühl entstehen lassen, selbst im Westerwald gebe es noch Teile unberührten Urwalds. Bsdorek und Wagner aber widmen ihre Aufmerksamkeit weniger der Szenerie am Rand des Schienenstrangs, vielmehr gilt ihre Voraussicht den vielen Bahnübergängen. Manche sind automatisch gesichert, andere wiederum verlangen das "Schlüsseln", für das Wagner verantwortlich ist.

Er muss den Führerstand verlassen, nachdem Bsdorek den Zug gestoppt hat, von der Lok absteigen und mit einem Schlüssel die Sicherungseinrichtungen manuell in Gang setzen. Noch abenteuerlicher wird es zwischen Puderbach und dem Endpunkt der Fahrt. An einem halben Dutzend Übergängen stehen lediglich Andreaskreuze, sodass der sportliche Ehrgeiz des 55-Jährigen aus Betzdorf, der seit 14 Jahren in Diensten der Westerwaldbahn steht, weiter herausgefordert wird. Mit einer rot-weiß-roten Fahne in der Hand muss er sich auf die Straßen stellen und dem Autoverkehr Einhalt gebieten. "Die Bahn hat bei der Streckenstilllegung sämtliche Vorrichtungen zurückgebaut", nennt er den Grund für den zeitaufwendigen Stop-and-go-Transport. Selbst in Dierdorf, wo die stark befahrene B 413 kreuzt, wird nach diesem altertümlichen Verfahren der Postensicherung gearbeitet. Wenigstens an diesem neuralgischen Punkt ist Abhilfe in Sicht. Für 500 000 Euro wird die Querung im kommenden Jahr mit Lichtzeichenanlage und Halbschranken gesichert.

Wenige Hundert Meter vor den riesigen Produktionshallen nimmt Wagner wieder Kontakt mit der Bindweide auf, teilt die unfallfreie Ankunft mit und unterrichtet auch seine Kollegen auf dem Schütz-Werksgelände von der neuen Fracht. Die Westerwaldbahn ist auch Dienstleister für die eisenbahntechnischen Aufgaben und nutzt unternehmenseigenes Equipment. Während Bsdorek die Lokomotiveinheit, die Doppeltraktion, für die Rückfahrt vorbereitet, überwacht Wagner den Rangierbetrieb und das Ankoppeln der 13 leeren Waggons mit Ziel Betzdorf, wo sie wieder in die Obhut der Deutschen Bahn übergehen.

Nach gut 20 Minuten Aufenthalt und ordnungsgemäßer Anmeldung beim Kontrolleur setzt sich der Güterzug, nun mit dem Code 48 002 ausgestattet, in Bewegung, ehe er in Neitersen zum 54 289 umbenannt wird. Kurz vor 13 Uhr erreichen die beiden Eisenbahner erneut Altenkirchen. "Wenn es gut läuft, kommen wir zwischen Viertel nach zwei und halb drei raus", weiß Bsdorek, dass "sein" Fahrplan mit dem von Vectus und dem Betrieb auf der Siegstrecke harmonieren muss. Deswegen werden sie an Ort und Stelle ihre offizielle Pause machen. Ob auf der Lok oder am Konrad-Adenauer-Platz auf einer Bank, hängt vom Wetter ab. Jedenfalls ist der Feierabend für Wagner deutlich sichtbar: "Schätze, dass wir gegen 16.45 Uhr auf der Bindweide sind." In Waggonlängen braucht er das aber nicht zu beschreiben.

Solche Blechcoils transportiert die Westerwaldbahn zwischen Betzdorf und Selters für die Firma Schütz.
Foto: Volker Held




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